TU im Dialog - von den Tücken der Verkehrswende für den Hamburger Süden

Harburg – „Plant das Ding. Nur wenn es eine Planung gibt, gibt es Geld.“ Die Worte von Senator Dr. Anjes Tjarks zum Ende der Veranstaltung „TUHH im Dialog: Die Mobilitätswende im Hamburger Süden!“, organisiert von der TU, dem Wirtschaftsverein und Harburg-Marketing, im Audimax II dürften Harburgs Baudezernenten Hans-Christian Lied runter gegangen sein wie Butter.

 

Das Ding, das ist die Brücke für Fußgänger und Radfahrer, die vom Schloßmühlendamm über die Bahngleise in die Harburger Schloßstraße führen und die Harburger Innenstadt besser mit dem Binnenhafen verbinden soll.

Die Brücke, die nach jetzigen Schätzungen 30 Millionen Euro kosten wird, ist ein Kompromiss. Richtig barrierefrei, der eigentliche Ansatz für eine weitere Querung für die beiden Zielgruppen, geht nicht, da sonst die Rampen zu lang würden. So behilft man sich mit Fahrstühlen auf beiden Seiten als „Krücke“.

 

Die Brücke passt nahtlos in das Verkehrskonzept, dass sich SPD und Grüne für Hamburg und damit auch den Süden der Stadt ausgedacht haben. Die Mobilitätswende, die in erster Linie auf eine Reduzierung des Autoverkehrs abzielt, spiegelt sich auch in dem zweiten Projekt, dass Lied vorstellte, wieder. Die B73, vierspurige Hauptverkehrsader, soll, so lassen es die präsentierten animationen interpretieren, eine Mischung aus Schmalspurfahrbahn, Radweg und Flaniermeile werden.

 

Dass das Endprodukt noch weit entfernte Zukunftsmusik ist, lässt schon die Größe der Bäume erahnen, die auf der Animation die „Magistrale“ säumen.

 

Das noch viel Wasser die Süderelbe runterlaufen wird, hat der vorangegangene Vortrag von Tjarks klar gemacht. Denn vor der Verkehrswende kommt die Sanierungswende. Der Grüne ist dazu verdammt die Sanierungsunlust seiner roten und schwarzen Vorgänger auszuwetzen.

 

Damit ist Tjarks bei den Brücken, die allesamt den Süden mit dem Rest der Stadt verbinden. Elf Brücken müssten neu gebaut oder aufwendig saniert werden. Tjarks schwebt eine weitere Eisenbahnbrücke zwischen der Elbbrücken und den Elbbrücken im Bereich des ehemaligen Freihafens vor. Das dürfte nur nacheinander klappen. Man wird nicht an zehn Fingern abzählen können, wie lange das dauert.

 

Auch die S-Bahn wird einige Zeit brauchen, um weiter verbessert zu werden. Weichen, Stromschienen, alles muss neu. Einfach weitere Züge fahren zu lassen, ist nicht. Die jetzigen Stromschienen bieten nicht genügend „Saft“.

 

Dazu kommt: Tjarks geht davon aus, dass es im Bahnnetz zunächst eher schlechter, als besser wird. „So wie wir in den letzten 30 Jahren mit unserer Infrastruktur umgegangen sind, sind die 53 Prozent Pünktlichkeit bei der Bahn nicht das Ende der Fahnenstange.“ Man merke erst, dass es nicht mehr funktioniert, wenn es zu spät sei. Tjarks: „Wenn wir jetzt nicht den Tournaround schaffen, rauscht uns die Infrastruktur so richtig ab.“

 

auch bei den alternative Angeboten wie hvv-hop, dem groß gefeierten On-Demand-Angebot des öffentlichen Nahverkehrs, hapert es. Das System selbst funktioniert – allerdings zu horrenden Kosten, die einen flächendeckenden Einsatz in Hamburg unfinanzierbar machen. So müssten laut Senator pro Fahrt im Bereich Osdorf zehn bis 15 Euro zugeschossen werden. In Harburg dürfte das nicht anders sein. Die hoch defizitäre Angelegenheit würde erst in den Bereich der finanziellen Machbarkeit rücken, wenn man den Fahrer aus dem Fahrzeug bekäme, als hvv-hop mit autonom fahrenden Fahrzeugen funktioniert.

 

Was überhaupt nicht bei der Verkehrswende zur Sprache kam, waren die angrenzenden Landkreise, in denen viele Menschen leben, die in Hamburg arbeiten. So blickten Vertreter aus der Region, die sich Tjarks Vortrag anhörten, auch eher Sparsam nach dessen Ende drein. Denn dort, wo Eimsbüttler Schönwetterradkonzepte eher kritisch gesehen und eine Erreichbarkeit eine Nahverkehrsangebot innerhalb von fünf Minuten utopisch ist, ist das Auto als Fortbewegungs- und Transportmittel eben doch auf absehbare Zeit die Nummer 1.

 

Auch keine Rolle spielte bei der Zukunftsvision des Senators, zumindest in seinem Vortrag, der Wirtschaftsverkehr, der in der Realität gerade im Süden Hamburgs von nicht unerheblicher Bedeutung ist.

 

Was Tjarks als Pluspunkte verbuchen kann. Er packt Dinge an und ist offenbar, gerade was Machbarkeit und Tücken einzelner Projekte angeht, scheinbar voll im Bild.

 

Für Lied scheinen die Menschen, die mit dem Auto nach Harburg wollen oder nur hindurch müssen zumindest in den präsentierten Projekten, keine große Rolle zu spielen. Die gewünschte Brücke in den Binnenhafen nannte er eine Aufwertung für die Anwohner.

 

Das Projekt, das übrigens nicht von Tjarks, sondern maßgeblich vom Bund finanziert werden soll, ist ohnehin umstritten. Die CDU hatte „im Hinblick auf die hohen Kosten als bloße Überquerungsmöglichkeit für Fußgänger und Radfahrer“ als „überflüssig bezeichnet und das Projekt abgelehnt. Dazu befürchtet die CDU, dass mit dem Bau der Brücke, die wie ein Klotz in eine der wichtigen Anbindungen in die Innenstadt, keine „sachgerechte Weiterentwicklung des Verkehrsraums in der Harburger Innenstadt“ mehr stattfinden könne.

 

Bei all den trüben Aussichten. Der Humor kam nicht zu kurz. Tjarks erntete Lacher, weil in seiner Präsentation der fertiggestellte Elbtower die Silouette prägte. Lied erntete amüsiertes Lachen, weil er sich selbst als Senator titulierte, aber geistesgegenwärtig seinen Versprecher als „Größenwahn“ einstufte.